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Welttoilettentag: arche noVa setzt sich ein für Menschenrecht auf Toiletten

19. November 2021 - Deutschland
Weltweit haben ungefähr 3,6 Milliarden Menschen noch immer keinen Zugang zu sicherer Sanitärversorgung – mit verheerenden Folgen für die betroffenen Menschen. Der Welttoilettentag am 19. November macht darauf aufmerksam. In seinen Projekten setzt sich arche noVa für das Menschenrecht auf adäquate Sanitärversorung ein. Gerade angesichts der Covid-19-Pandemie ist dies wichtiger denn je.

Mal eben noch kurz auf Toilette gehen? Für knapp die Hälfte der Menschheit ein Luxusgedanke. Für viele von ihnen ist jeder Toilettengang mit Risiken verbunden oder muss genau geplant werden. Dies, da entweder keine sicheren Toiletten vorhanden sind – oder für knapp 500 Millionen Menschen überhaupt kein Zugang zu Toiletten besteht. Was bedeutet, dass sie deswegen, fernab der Blicke ihrer Mitmenschen, beschämt im Freien ihr Geschäft verrichten müssen.

UN-Zielsetzung gefährdet – Mädchen und Frauen am stärksten betroffen

Das soll bald der Vergangenheit angehören: Laut dem Ziel für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal) Nummer 6 der Vereinten Nationen sollten alle Menschen bis 2030 Zugang zu ausreichenden Mengen sauberen Wassers sowie Zugang zu einer angemessenen und gerechten Sanitärversorgung  und Hygiene haben. Zudem ist der Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärversorgung seit 2010 ein von der UN-Generalversammlung und dem UN-Menschenrechtsrat anerkanntes Menschenrecht.

Laut den neuesten Zahlen sind wir davon aber (leider) noch meilenweit entfernt. Aktuelle Zahlen gehen davon aus, dass ungefähr 3,6 Milliarden Menschen weltweit ohne eine sichere Sanitärversorgung leben. Das Fehlen von Toiletten hat für Betroffene verheerende Auswirkungen.

„Gerade für Frauen sind fehlende Toiletten ein großes Problem“, meint Andrea Bindel, Beraterin für globale Nothilfe und Wasser-Sanitärversorgung und Hygieneaufklärung (WASH) bei arche noVa. „In vielen Haushalten ohne Sanitärversorgung gehen Frauen und Mädchen oft nachts in die Felder oder die Umgebung, um ihre Notdurft ungesehen zu verrichten. Das ist unwürdig und oft gefährlich, da sie Übergriffen ausgesetzt sind.“ 

Auch für menstruierende Mädchen, haben fehlende Toiletten an Schulen nachhaltige Auswirkungen: „In vielen Kulturkreisen ist die Menstruation nach wie vor ein Tabuthema“, so Andrea Bindel: „Fehlen geschlechtergetrennte Toiletten, verpassen die Mädchen jeden Monat bis zu 5 Schultage – oder gehen gar nicht mehr zur Schule.“ Die längerfristigen Folgen dieser Schulabbrüche sind verheerend: Aufgrund der fehlenden Bildung haben die jungen Frauen beruflich schlechtere Perspektiven, was nachhaltig die Geschlechtergerechtigkeit gefährdet.

Fehlende, schlecht betriebene und unhygienische Toiletten und Händewaschvorrichtungen gefährden aber nicht nur Mädchen und Frauen sondern alle, da sie zur Verschmutzung von Trinkwasserressourcen (weltweit müssen 2 Milliarden Menschen mit Fäkalien verunreinigte Trinkwasserquellen nutzen) und zur Verbreitung von Krankheitserregern und Durchfallerkrankungen  bis hin zu Cholera, Ruhr, aber auch Typhus und Bilharziose beitragen. Täglich sterben weltweit  mehr als 700 Kinder an Durchfallerkrankungen. Zudem profitiert auch SARS-CoV-2, der Auslöser von Covid-19 von schlechten Hygieneverhältnissen.

Sichere Wasser- und Sanitärversorgung als Grundlage für selbstbestimmtes Leben

Mit Projekten auf insgesamt drei Kontinenten setzt sich arche noVa aktiv für das Recht auf sichere und hygienische Sanitärversorgung ein. Um möglichst nachhaltige Veränderungen zu erreichen, bilden Schulen einen wichtigen Teil der Arbeit. Etwa im Irak, der noch immer von zahlreichen Konflikten geprägt ist und wo noch immer 2,3 Millionen Binnenvertriebene entweder langsam in ihre Heimatdörfer zurückkehren oder sich innerhalb des Landes an einem anderen Ort ein neues Leben aufbauen. Um sie dabei zu unterstützen, repariert und baut arche noVa in Rückkehr-Gemeinden mit einem lokalen Team in zwanzig Schulen neue Toiletten und stellt dort ebenfalls die Wasserversorgung sicher.
 

„Erst wenn es in den Schulen sichere und funktionierende Toiletten gibt, können wir sicherstellen, dass wieder alle Kinder in den Unterricht kommen“, sagt Tobias Pietsch, der als Referent die Projekte im Irak betreut. Gerade die Errichtung von geschlechtergetrennten Toiletten habe bereits viel bewirkt. „Dadurch, dass Mädchen separate Toiletten haben, schicken jetzt auch Familien wieder ihre Töchter in die Schulen, die sich zuvor geweigert hatten“, so Pietsch. 

Zudem betont er die Bedeutung einer positiven Aufenthaltsqualität: „Studien zeigen, dass es einen klaren Zusammenhang gibt zwischen der Aufenthaltsqualität und dem Hygieneverhalten“, sagt Pietsch. Deshalb sei ebenfalls viel Wert darauf gelegt worden, die Toiletten hell und ansprechend zu gestalten.

Nachhaltige Verbesserungen durch Wissenstransfer

Neben Reparatur und Neubau von Toiletten bildet arche noVa auch lokale Kräfte aus, um die Anlagen nachhaltig zu betreiben und zu unterhalten. „Toiletten müssen den speziellen Bedürfnissen der Nutzer angepasst werden, da sie sonst von ihnen nicht benutzt werden. Außerdem müssen Benutzung, Betrieb und Wartung sowie Hygienepraktiken trainiert werden, um nachhaltig einen sicheren Betrieb gewährleisten zu können und die Gesundheitssituation zu verbessern.“  beschreibt Andrea Bindel die Herausforderung. „Nur wenn wir es schaffen, dass die Toiletten sauber und funktional bleiben und die Fäkalien sachgerecht entsorgt und ggf. behandelt und wieder verwertet werden, erreichen wir eine nachhaltige Veränderung“, so die Expertin. 

Wie nachhaltig erfolgreich diese Veränderung sein kann, beschreibt Andrea Bindel anhand der Geschichte einer Familie in Pakistan: „Nach den verheerenden Überflutungen 2011 im Sindh war arche noVa dort in der Nothilfe und im Wiederaufbau präsent“, so Bindel. „Dabei haben wir auch eine Familie unterstützt, die  geächtet war und das Dorf nicht betreten durfte. Nach Verhandlungen mit dem Dorf konnten wir erreichen, dass auch sie die neu errichtete Wasserversorgung des Dorfes nutzen durften – und nach dem Bau einer Toilette stieg der soziale Status der Familie, sodass ihre Tochter heiraten konnte.“

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