Wenn Kyazike Nubuwati über ihre Gemeinde spricht, dann strahlen die Augen der 54-Jährigen. „Katuba ist nicht nur der Ort, an dem ich lebe. Es ist der Ort, an den ich gehöre“, sagt die Mutter von sechs Kindern. Das Wohl der Familie steht für sie an erster Stelle. Aber auch für ihr Dorf hat sie große Pläne, denn einfach ist das Leben hier nicht.
Fische kaufen, verkaufen und räuchern – ein anstrengender Job
Für Kyazike Nubuwati beginnt der Tag schon vor Sonnenaufgang. Um 5:00 Uhr morgens ist sie wach, fegt ihren Hof und bereitet den Tag vor. Dieser führt sie entweder erst zu ihrem Maisfeld, in den Gemüsegarten oder zum Anlegeplatz.
„Ich verbringe Stunden damit, von Boot zu Boot zu gehen, um den besten Fisch zu bekommen, und dann noch mehr Zeit damit, ihn zu räuchern, damit er für die Kunden in guter Qualität haltbar bleibt“, erzählt Kyazike Nubuwati. Meist nimmt sie sich zwei Tage nacheinander für den Fischkauf und fährt dann am dritten zum Markt in Jinja.
Ab 15 Kilo lohnt sich die Überfahrt mit der Fähre ans Festland. Doch diese Menge kann sie nicht einfach auf einmal kaufen. Die Fischer am Anlegeplatz legen jeden Tag eine Obergrenze fest, um den Tagesfang gerecht aufzuteilen. Zurzeit sind das vier bis fünf Kilogramm pro Käufer*in. Zum Glück gibt es seit 2023 in Katuba zwei Gemeinschaftsbehälter für die Aufbewahrung von Fischen. Kyazike Nubuwatis Mann ist einer der beiden Investoren. Der gelagerte Fisch wird von einem Angestellten verwaltet. Er registriert die abgegebenen Mengen und markiert sie mit verschiedenfarbigen Fäden.
Die Fischhändler*innen, meist sind es Frauen, müssen immer alles im Blick behalten: Die gekaufte Menge, die Lagerkosten, die Verkaufsaussichten und die Haltbarkeit der Ware. „Das Geschäft mit den Fischen nimmt den größten Teil meiner Zeit in Anspruch“, erklärt Kyazike Nubuwati. Zweimal pro Woche fährt sie mit dem Boot vier Stunden lang nach Jinja und vier Stunden zurück. „Wenn ich zum Markt fahre, dauert das den ganzen Tag.“ Reich wird Kyazike Nubuwatis Familie damit nicht – trotz der vielen Arbeit.
Früher war nicht alles besser
Wenn die Geschäftsfrau das Leben mit dem ihrer Großeltern vergleicht, sieht sie etliche Fortschritte, aber auch Verluste. „Meine Großeltern schliefen auf Gras, heute schlafen wir auf Matratzen. Im Vergleich zu früher haben Frauen mehr Möglichkeiten und können heute Unternehmen führen. Außerdem werden Kinder mit Behinderungen stärker anerkannt. Meine Großeltern legten Wert auf Sauberkeit in der Gemeinde und kümmerten sich um die Familie. Sie hatten jeden Tag Zeit, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Heute sind wir immer mit Arbeit beschäftigt.“ Kyazike Nubuwati versucht trotz der Herausforderungen als Fischhändlerin, die Werte der Vorfahren am Leben zu erhalten, indem sie den Freitag ihrer Familie widmet. Nach dem Gebet in der Moschee versammelt sie ihre Kinder, um Ideen auszutauschen und mit ihnen über ihre Zukunft zu sprechen. Die Ermutigung, hart zu arbeiten, gehört für die Mutter stets dazu.
Vor kurzem hat die Familie beschlossen, Ziegen zu züchten, wobei jedes Kind die Verantwortung für eine Ziege übernimmt. „Ich möchte, dass sie Verantwortung und Zukunftsplanung lernen“, sagt die 54-Jährige. Auch für sich selbst verfolgt sie weitere Ziele: Sie träumt davon, einen Großhandel zu betreiben, der ihr Stabilität und Würde gibt und sie von den endlosen Fahrten nach Jinja befreit. „Ich bin es leid, nur zu überleben“, sagt sie. „Ich möchte erfolgreich sein. Ich möchte ein Geschäft führen, das es mir ermöglicht, für die Zukunft zu planen und nicht nur über die Runden zu kommen.“
Kämpfen für den Schulbesuch der Kinder
Kyazike Nubuwati ist stolze Mutter von drei Mädchen und drei Jungen, von denen fünf zur Schule gehen. Neben den Schulgebühren ist die Ausbildung ihres Kindes mit einer Behinderung ihre größte Sorge. Er spricht nicht, weil sein Gehör nicht in Ordnung ist. „Es gibt keine Schule in der Nähe, die für Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet ist und ihn unterrichten kann“, sagt sie leise. „Die Schulen, die helfen können, sind zu weit weg und zu teuer. Das Internat in Jinja kostet 250.000 Uganda Schillinge (60 €) pro Schulhalbjahr, während ich hier 40.000 Uganda Schillinge (10 €) für das ganze Jahr bezahle. Ich möchte, dass er lernt, aber ich kann es mir nicht leisten. Also bleibt er zu Hause.“ Das lastet schwer auf ihrem Herzen, doch sie klammert sich an die Hoffnung, dass ihr elfjähriger Sohn eines Tages zur Schule gehen wird, wenn sie mehr verdienen kann. Die Fortschritte im Dorf geben ihr dafür Motivation.
WASH gibt dem Dorf einen Schub
Die Heimat von Kayzike Nubuwati, das Dorf Katuba auf der Insel Buvuma im Viktoriasee, hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Vor unserem Projekt mit der lokalen Partnerorganisation Katosi Women Development Trust (KWDT) gab es kein sicheres Trinkwasser. Krankheiten wie Durchfall, Bilharziose und Hautausschläge waren weit verbreitet, weil viele Familien sich aus dem See Wasser holten, das stark verunreinigt ist. Sicherer war es, zum Bohrloch in die Nachbargemeinde zu gehen. Doch der Weg dorthin dauerte über 30 Minuten. Außerdem war das Wasser mit 1.000 Uganda Schillingen (0,25 €) pro 20-Liter relativ teuer.
Auch die sanitären Verhältnisse waren in Katuba menschenunwürdig. Kyazike Nubuwatis Haushalt verfügte zwar über eine der wenigen Latrinen, doch die wurde von anderen mitgenutzt und mit Müll verstopft. Ihre eigenen Kinder seien gar nicht gerne dort hingegangen. „Wir hatten Holzscheite über die handgegrabene Grube gelegt, aber das war für die Kinder nicht sicher.“ Daher verrichteten sie ihre Notdurft weiterhin im Busch, so wie die meisten Menschen im Dorf. Die einzige Gemeinschaftstoilette in Katuba war seit langer Zeit übervoll und konnte wegen der simplen Bauweise nicht entleert werden. Dies ärgerte die Dorfbewohner*innen sehr.
„Seit 1986 hatten wir uns für sauberes Wasser eingesetzt“, erinnert sich Kyazike Nubuwati. „Aber es wurde nichts unternommen, bis KWDT kam und mit unserer Frauenselbsthilfegruppe Suubi zusammengearbeitet hat.“
Heute freuen sich die 150 Haushalte im Dorf über ein Bohrloch, an dem es sicheres Trinkwasser gibt, sowie öffentliche Toiletten und geschlechtersensible Badezimmer. Die Familien sparen bis zu 20 Euro pro Monat, die sie früher für den Kauf von Wasser ausgegeben haben. Die Hygiene hat sich deutlich verbessert und Katuba hat viel Anerkennung für die Entwicklung erhalten. Die Nachbardörfer schauen auf die Selbsthilfegruppe Suubi und fragen, wie sie zu den WASH-Einrichtungen gekommen ist. „Das Projekt hat uns Frauen Respekt verschafft“, sagt Kyazike Nubuwati stolz.
Im Zuge des arche nova Projekts mit KWDT wurden in Katuba weitere Aktivitäten umgesetzt. Darunter gab es zahlreiche Schulungen zu Hygienepraktiken und Einkommensdiversifizierung. Etliche Familien erhielten Werkzeuge wie Hacken für den Gemüseanbau, für einige gab es auch Unterstützung in der Viehwirtschaft. Außerdem wurden wiederverwendbare Damenbinden an Frauen und Töchter verteilt. „Das war für uns vorher eine große Herausforderung gewesen.“
Eine Führungsfigur in ihrer Gemeinde
Über ihre Familie hinaus hat sich Kyazike Nubuwati in Katuba einen guten Ruf als Führungsfigur erworben. Sie ist Frauenvertreterin im Gemeinderat und außerdem Schatzmeisterin der Suubi Frauenselbsthilfegruppe mit 25 Mitgliedern. Die Gruppe ist wichtig für den Ort und Kyazike Nubuwati engagiert sich hier seit 2018. In ihrer Führungsrolle überprüft sie mit den anderen das Bohrloch mit Pumpe, die neuen Waschräume und Sanitäranlagen. Sie kontrollieren, dass die Nutzerkomitees ihren Verpflichtungen nachkommen. „Wir, die Frauengruppe, spielen eine zentrale Rolle dabei, unsere Einrichtungen sauber und funktionsfähig zu halten. Wir sorgen für die Zahlung der Nutzungsgebühren, mobilisieren die Gemeinschaft und schützen das, was uns gegeben wurde.“
Verantwortung und Engagement gehört für die 54-Jährige zum Leben dazu. So vermittelt sie auch bei Familienstreitigkeiten und berät Paare, die mit Problemen zu kämpfen haben. Für die Frauen im Dorf öffnet sie sonntags ihr Haus, wo sie über Familienangelegenheiten diskutieren und Möglichkeiten ausloten, wie sie von staatlichen Programmen profitieren können. „Eine Führungskraft zu sein, bedeutet, zuzuhören“, sagt sie. „Es geht darum, denen eine Stimme zu geben, die sich vergessen fühlen.“
Katuba ist nicht nur für Kyazike Nubuwati etwas Besonderes
Katuba liegt auf der Insel Buvuma und hat 379 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Mehrheit der Familien verdient ihren Lebensunterhalt mit Fischerei und Landwirtschaft. Jeder Haushalt hat einen Garten. „Wir bauen Getreide wie Mais, Bohnen, Maniok und Gemüse sowohl für den Eigenverbrauch als auch für den Verkauf auf lokalen Märkten an“, erzählt Kyazike Nubuwati.
Für die Geschäftsfrau und Dorfvorsteherin ist es besonders wichtig, dass sich die Menschen in Katuba gegenseitig unterstützen, um sicherzustellen, dass alle eine Lebensgrundlage haben. Dass der Zusammenhalt funktioniert, zeige schon allein die Tatsache, dass es im Vergleich zu anderen Fischerdörfern weniger Diebstähle gibt. Kyazike Nubuwati erinnert sich, wie sie vor 20 Jahren mit ihrem Mann hergezogen ist und von allen Mitgliedern der Gemeinde überwältigende Unterstützung für ihr Fischgeschäft erhalten hat. Das war es für die damals junge Frau klar, Katuba zu ihrer Heimat zu machen.
Gefahren wie Drogen und Korruption
Wenn die sechsfache Mutter in die Zukunft schaut, hat sie wie viele andere im Dorf jedoch auch Sorgen. Ihr ältester Sohn, ein Fischer, verbringt seine Tage am Anlegeplatz. Dort, befürchtet seine Mutter, könne er wie viele junge Männer in der Fischereiindustrie in den Drogenkonsum hineingezogen werden.
Auch die Fischereischutzbehörde (FPU) stellt eine ständige Herausforderung für die Dorfgemeinschaft dar. „Manchmal halten sie uns auf dem Weg nach Jinja an und beschlagnahmen unseren Fisch, um ihn später zu verkaufen. Ich verliere das Kapital, das ich in den Kauf des Fisches investiert habe, und meine Gewinne!“, ärgert sich die Unternehmerin. „Ich arbeite hart, aber solche Vorfälle verhindern, dass wir weitere Fortschritte machen.“ Am Anleger wünschten sich die Leute immer gegenseitig viel Glück und hofften, dass sie auf dem Wasser nicht auf die FPU treffen.
Pläne für die Zukunft
Wenn Kyazike Nubuwati – trotz aller Herausforderungen – etwas auszeichnet, dann ist es Tatkraft. „Ich möchte mein Geschäft ausbauen“, sagt sie. Ihr Wunsch ist es, auch ihren Sohn im Handel zu beschäftigen. Dabei gehen ihre großen Pläne über ihre eigene Familie hinaus. Sie träumt von einem Dorf mit modernen Fischverarbeitungsanlagen. Denn zurzeit können die beiden Boxen nicht die Ware aller Fischverarbeitenden und -händler*innen in Katuba auf einmal lagern. Viele seien sie daher gezwungen, den Fisch zu räuchern, wodurch sie die Möglichkeit verlieren, ihn an die Fabrik zu verkaufen. Diese kauft nur frischen Fisch, zahlt aber einen höheren Preis. Ein Drittel des Umsatzes geht laut Kyazike Nubuwati wegen der unzureichenden Lagerkapazität verloren. Sie hält deshalb Investitionen für den besten Weg zu einer besseren Zukunft.
„Im Moment müssen wir für unsere Lagerbox Eis aus Kiyindi oder Jinja beziehen, was 120.000 Uganda Schillinge (28€) pro Woche kostet.“ Mehr Autarkie in der Fischlagerung und -verarbeitung würde das Problem lösen. Doch der Knackpunkt für Katuba liegt in der Stromversorgung, die es vor Ort nicht gibt. Eine größere Solaranlage wäre Kyazike Nubuwatis Traum. Dann könnte Fischverarbeitungsmaschinen und auch eine Mühle für den Mais betrieben werden und damit neue Verkaufsmöglichkeiten eröffnen. Die Geschäftsfrau und Gemeindevorsteherin sowie die anderen im Dorf hoffen auf eine Mikrofinanzbank, die erschwingliche Kredite anbietet. Andere Kreditinstitute hätten hohe Zinssätze von über 20 Prozent und verlangten Sachwerte als Sicherheit, was insbesondere für Frauen unerschwinglich ist. Als Gruppe wäre es leichter. 15 Mitglieder der Suubi Gruppe seien bereits auf dem Weg bei einem Kreditförderprogramm Kapital zu beantragen.
Beim Blick in die Zukunft schaut Kyazike Nubuwati auch noch über die konkreten Businesspläne hinaus: „Ich wünsche mir eine Schule für Kinder mit Behinderungen in unserem Unterbezirk, damit kein Kind vernachlässigt wird.“ Und sie wünscht sich, dass Frauen weiterhin eine Vorreiterrolle bei den Verbesserungen in Katuba spielen.