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Endlich wieder Schule

16. Februar 2021 - Kenia
Für die einen ist der Präsenzunterricht wieder Realität, andere hoffen noch und wieder andere haben sich gerade ganz gut mit dem Homeschooling arrangiert. Was für Deutschland gilt, ist in vielen Orten der Welt in Zeiten von Corona ähnlich. Doch Schule, das ist mehr als Mathe, Deutsch und Sachkunde, mehr als Klassenarbeiten, Zeugnisse und Zensuren. Für viele Kinder weltweit bedeutet Schule auch Sicherheit, ein warmes Mittagessen und soziale Netze. Erst recht an einem Ort wie Kibera, einem riesigen Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Von dort erreichte arche noVa im Herbst ein akuter Hilferuf. Die Corona-Krise mit ihren strikten Ausgangssperren, Schulschließungen und Kontaktverboten hatte in Kenia dazu geführt, dass nicht nur die Verbreitung des Virus eingedämmt wurde, sondern sie bewirkte auch, dass Menschen ihren Job verloren. Tagelöhner, die täglich darauf angewiesen sind, wenigstens eine Abendmahlzeit für ihre Familien zu erwirtschaften, durften nicht mehr vor die Tür. Kranke, darunter viele HIV-Infizierte, die regelmäßige Medikamente und eine spezielle Ernährung brauchen, konnten sich nicht mehr versorgen. Besonders in Kibera, wo mehr als 250.000 Menschen auf engstem Raum mit unzureichender Sanitärversorgung, kaum Handwaschmöglichkeiten und fehlender Müllentsorgung leben, stieg die Zahl der Infektionskrankheiten während der Pandemie massiv an. Not und Hunger waren noch dramatischer als so schon, steigend auch die Anzahl von Gewaltdelikten und Kriminalität. Die Leidtragenden, wie so oft, die Schwächsten der Gesellschaft, darunter Tausende Kinder.

Für viele von ihnen war die St. Juliet-Schule, eine der wenigen Schulen in Kibera, immer auch ein sicherer Ort. 567 Kinder zwischen vier und 16 Jahren kamen hier täglich her, um zu lernen und zu spielen. Sie saßen oft mit 50 anderen Kindern im Klassenraum und viele brachten Sorgen von zu Hause mit. Trotzdem war St. Juliet ein Ort, wo sie Kind sein durften, wo sie geschützt waren vor Schlägen, wo sie Lob erfuhren und Bestätigung. All das brach plötzlich weg, als im Frühling zum Schutz vor Corona die Schulen geschlossen wurden. Die Folgen waren dramatisch: Teenagerschwangerschaften – allein 25 binnen fünf Monaten, Kinderarbeit, Drogenmissbrauch, Zwangsheirat, Hunger, Gewalt.
Das durfte nicht sein, fanden die 16 Lehrkräfte von St. Juliet und suchten Hilfe. Das Team von arche noVa konnte mit Unterstützung der Aktion Deutschland Hilft im Oktober schnell intervenieren.

„Das Wichtigste war, die Kinder wieder in die Schule zu bekommen und den am meisten Betroffenen – etwa 400 Kinder und 172 bedürftigen Familien – Unterstützung zukommen zu lassen, um die schlimmste Not zu lindern“, erklärt Yvonne Stephan, Projektreferentin von arche noVa.

Dazu mussten zuerst die Hygienevorkehrungen in der Schule umgesetzt werden – es wurden Handwaschstationen mit Seife eingerichtet und Erklärbilder aufgestellt, die Kinder trugen Masken und es wurde vor Betreten des Schulgeländes Fieber gemessen.


Im geschützten Raum der Schule wurden Spiele und Singstunden angeboten, es wurde gemalt, gereimt und kleine Theaterstücke einstudiert. Thema waren dabei auch immer wieder die Corona-Prävention und Hygieneregeln – spielend gelernt und geübt auch schon für die Jüngsten.


Eine der wichtigsten Maßnahmen war das Schulessen für 400 Kinder – zwar jeden Tag das gleiche, Mais und Bohnen, aber frisch gekocht und warm.

ein Mädchen hält eine Schüssel mit Bohnen in der Hand

„Ich bin so froh, dass es in meiner Schule ein warmes Mittagessen gibt. Viele meiner Freundinnen sitzen woanders hungrig im Klassenzimmer. Da lernt es sich nicht gut, vor allem, wenn man sich, wie ich, auf die Abschlussprüfungen vorbereiten muss.

Fantesia Khayesi, Schülerin aus Kibera

Als im Herbst St. Juliet wieder öffnete, war die Schülerin überglücklich. „Ich bin jetzt besonders fleißig, damit ich gute Noten schreibe, um dann auf eine gute High School gehen zu können“, erzählt Fantesia. Später mal möchte sie Journalistin werden.

Auch dem 84-jährigen Ismail Hassan brachte das Hilfsprojekt in Kibera ein wenig Hoffnung. Der alte Mann ist aufgrund eines Unfalls, bei dem beide Beine amputiert werden mussten, gehbehindert und auf Hilfe angewiesen. Im Alltag unterstützt ihn normalerweise seine Familie, aber während der Pandemie haben seine Angehörigen ihre Jobs verloren. „Manchmal gab es etwas zu essen, aber oft haben wir tagelang ohne Essen ausgeharrt und mussten hungrig schlafen gehen. Es war furchtbar. Wir hatten immer Angst zu verhungern“, berichtet der Senior, der sich außerdem um seinen Enkel Esmael kümmert. Dieser besucht die St. Juliet-Schule und hatte von der dramatischen Situation der Familie berichtet und bekam Unterstützung.

Insgesamt wurden im Zuge unseres Projektes 172 besonders bedürftige Familien versorgt, darunter Pflegefamilien von Waisenkindern, alleinerziehende Mütter, Aidskranke und schwangere Mädchen. Drei Monate lang bekamen sie pro Woche je ein Lebensmittelpaket mit zwei Kilo Maismehl, ein Kilo Bohnen und  einem Liter Öl. Wer konnte, durfte sich die Hilfsgüter an der St. Juliet-Schule abholen. Für Familien, denen das nicht möglich war, wie bei Ismail Hassan, verteilten die Lehrkräfte die Lebensmittelpäckchen im Viertel – mit Abstand und Maske, aber auch mit warmen Worten und ein bisschen Hoffnung.

„Seit Oktober war ich nicht mehr hungrig. Ich fühle mich gestärkt und bin sehr dankbar“, erzählt Ismail Hassan. „Wenn die Lehrer von St. Juliet vorbei kamen, wurde auch immer ein wenig geschwatzt. Man sieht mal neue Gesichter, hört mal was anderes. Das tat mir gut“, sagt der Senior und lächelt seinem Enkel Esmael zu.

Der freut sich schon auf den nächsten Schultag in St. Juliet. Denn jetzt sind erstmal alle zurück. Auch die Lehrkräfte. Ein Teil hatte während der Coronakrise den Job verloren, da die Schulgebühren der Kinder im Lockdown ausblieben. Das Hilfsprojekt von arche noVa sorgte auch dafür, dass Lehrer*innen ein kleines Stipendium erhielten und sich so wieder um die Schulkinder bzw. die Versorgung bedürftiger Familien im Viertel kümmern konnten. Wie es weitergeht? So genau weiß das keiner. Die Pandemie ist nicht vorbei, die Angst ist groß und die Not in Kibera – aber auch die Hoffnung, dass alles wieder gut wird.

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